Wieso  unsere innere Tür manchmal zu bleiben muss

In meinen letzten Ferien war ich in einer sehr kleinen Stadt in einer sehr einsamen Gegend. In dieser kleinen Stadt leben kaum noch Menschen, wenn überhaupt, dann sind es noch die Älteren, die nicht mehr wegwollen oder können und ein paar vereinzelte Familien. Als ich einem sonnigen Nachmittag durch dieses Städtchen ging, begegnete mir ein einziger älterer Herr und ansonsten sah ich sehr viele verschlossene Türen.

Anfangs verstörte und frustrierte mich das ein wenig. Es wirkte abweisend und kalt. Dieses offen zur Schau gestellte Desinteresse an dem Leben, das vor der Tür – wenn auch nur in geringem Maß – stattfand, irritierte mich. Dann begann ich, die Türen zu fotografieren. Es handelte sich oft um sehr schöne alte Türen, und je mehr ich von ihnen abfotografierte, umso weniger hatte ich das Gefühl sie würden mich aussperren. Stattdessen strahlten sie auf einmal Klarheit und Gradlinigkeit auf mich aus, und ich dachte: „So unaufgeregt und gerade sollte ich auch öfter durchs Leben gehen.“

Viel zu oft werden mir nämlich, im übertragenen Sinne, meine Türen eingerannt. Dann bekomme ich schnell den Eindruck, dass nicht nur sehr viele Menschen etwas von mir wollen, meine Familie, meine Freunde, meine Arbeitgeber, sondern auch, dass sie sich auch an meiner selbst bedienen, oft ohne zu fragen. Ständig scheine ich für verfügbar zu sein, ob mir das gerade recht ist oder nicht. Ich kann ihnen das nicht übelnehmen, schließlich erwecke ich ja ganz eigenverantwortlich den Eindruck, ich sei ein offenes Haus. Selbst, wenn ich mich nicht danach fühle. Was hilft? Die Tür schließen. Was natürlich – wie fast alles – leichter klingt, als es ist. Also Nein sagen, innerlich wie äußerlich. Nicht unterstützend wirken, auch wenn Unterstzützung eingefordert wird, nicht auf jede Befindlichkeit von außen eingehen. Mal zu Dingen keine Meinung haben. Sich selbst vor anderen einfach mal nicht erklären.

Ja, das wirkt wie die Türen in der kleinen Stadt zunächst abweisend. Das irritiert. Führt vielleicht auch zu dem einen oder anderen Konflikt. Paradoxerweise macht das Türenschließen uns am Ende aber zu einer offenen Person, einer Person, die wenn sie da ist, voll da ist und sich nicht überrennen lässt von Gefühlen, Gedanken und Anforderungen. Und diese Klarheit nützt nachher einem selbst und dem Umfeld am meisten.

 

 

 

Warum ich für 2018 keine Pläne mache

Es geht wieder los: Überall werden Listen mit Plänen und Vorsätzen angelegt, um ein besserer, ein fitterer, ein achtsamerer Mensch zu werden. Die einen nehmen sich den obligatorischen „Mehr-Sport“-Vorsatz für das neue Jahr vor. Die anderen möchten jetzt jeden Morgen meditieren, wieder andere sich besser ernähren oder geduldiger mit den Kindern oder ihren Mitmenschen sein. Und die meisten von ihnen werden – wahrscheinlich scheitern. Und ziemlich frustriert sein. Sich über sich selbst ärgern und wieder einmal ziemlich unzulänglich finden. Was am Ende ja die ganze Sache mit den guten Vorsätzen ziemlich kontraproduktiv macht und konterkariert.

Ich habe es aufgegeben mit den Vorsätzen. Zumindest mit denen, die mir von Anfang nicht recht geheuer vorkamen und von denen ich wusste, ich würde sie ohnehin nicht durchhalten können. Stattdessen habe ich mich gefragt: Was willst du wirklich an dir verändern? Und: Was kannst du ehrlich durchhalten ohne das Gefühl haben, dich dabei verstellen zu müssen? Und auch – das finde ich fast am wichtigsten – wieso musst du überhaupt dies oder jenes verändern? Um gefälliger zu werden? Oder weil du dich selbst so nicht magst?

Seitdem fasse ich zwar auch noch ab und an einen Vorsatz, aber nur einen, der mir wirklich am Herzen liegt – und ich erlaube mir von Anfang zu scheitern. Das nimmt die Luft raus und ich weiß, ich muss nichts verändern, aber ich kann es probieren, wenn ich wirklich will. Diese Erlaubnis zum Scheitern ist so etwas wie meine psychologische Rückversicherung, dass es am Ende doch noch klappt mit dem Vorsatz. Bislang hat es jedenfalls immer ziemlich gut funktioniert.

Was habt Ihr euch für 2018 vorgenommen? Woran scheitert Ihr jedes Jahr aufs Neue? Wenn Ihr mögt, erzählt davon unter #gelassenscheitern

 

 

 

Von Fomo zu Jomo

Seit einiger Zeit geht ein Gespenst um: Fomo, die Abkürzung für fear of missing out. Also die Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst ist verständlich, denn natürlich gibt es ständig und in jedem Moment etwas zu verpassen. Die Frage aber, die man sich dabei stellen sollte, ist, ob das man da eventuell gerade verpasst tatsächlich so viel besser, wichtiger, bedeutsamer ist, als das, was man gerade erlebt. Und ganz besonders dann sollte man sich diese Frage stellen, wenn augenscheinlich gerade gar nichts erlebt. Im Zweifel ist nämlich genau das viel mehr und erfüllender als alles andere.

Ich jedenfalls habe beschlossen mich von FOMO zu trennen. Denn am Ende zählt ja nicht, was andere, was soziale Medien, meine Freunde und Bekannten gerade für unabdingbar zu erleben halten, sondern, dass was mich erfüllt. Und das kann ein wunderbar langweiliger Sonntag sein, an dem einfach mal gar nichts passiert. An dem ich nicht zum Kaffee eingeladen bin, an dem ich nicht ins Kino oder ins Museum gehe, an dem ich keinen Sport mache. Stattdessen verwandle ich FOMO in JOMO – joy of missing out. Das ist schon nach kurzer Zeit viel leichter als gedacht und – das ist das Wichtigste – wesentlich befriedigender. Weil es mit Selbstbestimmung zu tun hat. Ich weiß jetzt: Ich bin was ich bin. Und nicht das, was andere wollen, was ich tun soll. Einen schönen ersten Advent!

PS:  Mehr zum Thema gibt es auch in meiner Kolumne in der aktuellen FLOW 😉

 

 

Wieviel Disziplin verträgt
das Leben?

Es gibt einen Song einer Band, die Kinderlieder macht, in dem heißt es in einer Textzeile sinngemäß: „Ich muss immer nur müssen“. Ist doch irgendwie  ziemlich blöd, dass schon Kinder den Zustand des Hamsterrads bereits kennen, oder? Und wenn ich selbst abends erschöpft auf dem Sofa sitze, wenn es 21:47 Uhr ist und die letzte Aufgabe des Tages gerade erledigt und ich eigentlich zu nichts mehr in der Lage bin, außer ins Bett zu fallen, möchte ich einfach manches Mal aus meinem Leben verschwinden. Obwohl ich mein Leben wirklich sehr sehr gern mag. Aber was ich nicht mag, ist das es, damit alles darin einigermaßen funktioniert (Job, Kinder, Haushalt, soziale Kontakte) alles so derart durchgetaktet sein muss. Andererseits zeigt sich immer wieder: ganz ohne Disziplin geht es eben auch nicht. Würde ich nicht morgens um sechs Uhr zum Laufen aufbrechen, würde ich gar keinen Sport mehr treiben. Würde ich nicht die Kinder zum Üben ihrer Instrumente antreiben, würden sie immer noch kein einziges Lied spielen können. Würde ich nicht… Diese Disziplin macht keinen Spaß, aber sie erleichtert doch einiges. Ich frage mich nur, ob man sich so sehr an sie gewöhnen kann, dass ein Leben ohne sie irgendwann gar nicht mehr möglich ist. Und was machst das dann mit einem?