Vier tolle neue Bücher für den Frühling

Elizabeth Winthrop: Mercy Seat (C.H Beck)

Ein Kaff in den amerikanischen Südstaaten in den 1940er Jahren: Ein junger Schwarzer, der fälschlicherweise der Vergewaltigung beschuldigt wird, soll hingerichtet werden. Jetzt warten alle im Ort nur noch auf die Ankunft des elektrischen Stuhls. Eine fiebrige Stimmung breitet sich aus – vielen Beteiligten, etwa dem Staatsanwalt oder auch dem örtlichen Polizeichef ist klar, dass das Urteil nicht gerecht ist. Gleichzeitig warten weiße Rassisten nur darauf den jungen Will sterben zu sehen. Aus verschiedenen Perspektiven, angefangen bei Wills Vater über den kleinen Sohn des Staatsanwalts bis zu dem Priester, der Will betreut, erzählt Autorin Elizabeth Winthrop die Tage bis zur Hinrichtung, die sich wie eine Spirale zuspitzen… Sprachlich brillant und hochspannend bis zum überraschenden Ende.

Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen (DVA)

Unterschiedliche drei Frauen prägen diese großartige Buch: Maria, eine ehrgeizige, willensstarke junge Hebamme, zeigt um die Jahrhundertwende den Dörflern in der finnischen Provinz, dass sie deren strikte Vorstellungen von einem Frauenleben nicht beeindrucken und zieht ihre Tochter Lahja allein groß. Diese wiederum sucht ihr Leben lang verzweifelt nach Liebe und verbittert darüber. All ihre Bitterkeit lässt sie an Schwiegertochter Kaarina aus, die es jedoch schafft sich ihr eigenes Glück nicht zerstören zu lassen. Einfühlsamer Roman, wunderbar geschrieben!

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin (Aufbau Berlin)

Keiko, Mitte 30, jobbt seit vielen Jahren als Aushilfe in einem Konbini, einer Art Minimarkt. Sie hat keinen Mann, kein Kind und auch sonst keine ausgeprägten Interessen. Das Einzige wofür sich ansatzweise begeistern kann, ist der Aushilfsjob. Doch damit befremdet sie ihre eigene Familie sowie die wenigen Bekannten, die sie hat. Eigentlich will sie nur in Ruhe gelassen werden, doch man lässt sie ihr einfach nicht. Und dann zieht auch noch ein fremder Mann zu ihr und lebt in ihrer Badewanne… Wer die frühen  Bücher von Murakami mag und kennt, wird auch dieses sehr mögen. In Japan wurde der Roman zum Bestseller. Zu Recht.

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist (Aufbau)

Nadja Spiegelman, Jahrgang ’82, Schriftstellerin stammt aus einer bekannten New Yorker Künstlerfamilie: Ihr Vater ist Art Spiegelman, ein berühmter Comiczeichner, ihre Mutter, Francoise Mouly, verantwortet seit Jahrzehnten den optischen Auftritt des NEW YORKER Magazins. In ihrem autobiografischen Roman seziert Spiegelman nun das komplizierte Verhältnis nicht nur zu ihrer Mutter, sondern auch das von Mutter und Großmutter. Das tut sie auf eine so schonungslose, ehrliche Weise, die oft schmerzhaft ist, aber einen dadurch auch gleichzeitig so fesselt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann.

Auf der Suche nach der Stille

Auf einer Reise zum Südpol. Auf einer Tour durch die Kanalisation New Yorks. Unter dem Sternenhimmel. Am Schreibtisch. Der norwegische Abenteurer, Kunstsammler, Verleger und Anwalt Erling Kagge macht sich auf den Weg, um vollkommene Stille zu finden. Und er geht Fragen zur Stille nach: Wie und wo entsteht sie? Wieso empfinden wir sie so unterschiedlich? Warum halten wir Stille manchmal so schwer aus? Und vor allem, was bedeutet das Empfinden von Stille für uns – und was passiert mit uns, unserem Denken und Fühlen bei ihrer Abwesenheit? Erling Kagge geht all diesen Fragen in kurzen essayistischen Texten nach und jedes Kapitel lässt einen mal nachdenklich, mal sehnsüchtig, aber immer sehr erfüllt zurück. Am Ende – Erling Kagge – findet man die größte und zufriedenstellendste Stille in sich selbst. Aber das ist ein Schatz, der nur schwer zu heben ist. Unbedingt lesen.

Erling Kagge: Stille- ein Wegweiser (Insel)

Im Wasser

Die kanadische Künstlerin und Autorin Leanne Shapton, die unter anderem als Art Directorin für die New York Times tätig war, stand in ihrer Jugend vor der Entscheidung sich voll und ganz dem Leistungssschwimmen zu widmen. Sie war als junges Mädchen im Kader für die Olympia-Qualifikation, entschloss sich aber dann doch auszusteigen und dieser Welt der Disziplin und Härte sich selbst gegenüber den Rücken zu kehren. Doch da sie mit dem Schwimmen gorß geworden und erwachsen geworden ist, kann sie sich bis heute nicht ganz vom Wasser lösen. In ihrem wunderbaren Coming of Age-Roman „Bahnen ziehen“ (Suhrkamp) beschreibt sie diese ganz eigene Welt der Leistungsschwimmer zärtlich und immer mit einem gewissen Staunen, dazu nimmt sie Bezug auf ihr jetziges Leben in New York als Künstlerin. Eine wahnsinnig schöne Lektüre – nicht nur für begeisterte Schwimmer.